Haushalt 2026 - Rede Stadträtin Lena Schwelling
© Gruene Fraktion Ulm
Haushalt 2026
Fachbereichsausschuss Bildung und
Soziales - Ulm muss dranbleiben
Rede von Stadträtin Lena Schwelling
Sehr
geehrte Frau Bürgermeisterin Mann,
sehr
geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr
geehrte Herren Bürgermeister,
liebe
Mitarbeitende der Stadt Ulm,
liebe
Kolleginnen und Kollegen,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Bürgermeister
sehr geehrte Herren Bürgermeister, Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,
der
Soziologe Aladin El-Mafaalani beginnt sein Buch „Misstrauensgemeinschaften“
mit einer Beobachtung:
Moderne
Gesellschaften funktionieren nur, wenn Menschen einander und dem Staat
vertrauen.
Er
erinnert dabei an die Finanzkrise 2008. Damals traten die Kanzlerin und der
Finanzminister vor die Öffentlichkeit und sagten: Die Einlagen der Sparerinnen
und Sparer sind sicher. Dieses Versprechen war nur deshalb wahr, weil die
Menschen darauf vertraut haben. Wären alle gleichzeitig zur Bank gerannt, wäre
das System kollabiert.
El-Mafaalani
sagt: Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass ein Staat wie unserer
überhaupt funktioniert. Doch wir erleben gerade, dass dieses Vertrauen
schwindet. Und nicht
ohne
Grund. Die vergangenen Jahre waren geprägt von Krisen, die viele Erwartungen
enttäuscht
haben: die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Coronapandemie, die
Energiekrise
und nicht zuletzt die Klimakrise.
Das
zentrale Versprechen moderner Gesellschaften – wir haben die Welt im Griff –
hat Risse bekommen. Für viele Menschen hat es sich als nicht haltbar erwiesen. Die
Folgen sind spürbar: weniger Vertrauen in staatliche Institutionen und in
Expertise, weniger Selbstvertrauen in die eigene Urteilskraft und ein
wachsender Verlust an Selbstwirksamkeit.
Je
komplexer und unübersichtlicher die Welt wird, desto stärker wird das Gefühl:
Niemand hat mehr wirklich die Kontrolle. El-Mafaalani beschreibt, was dann
passiert:
In
dieser Situation schließen sich Menschen jenen an, die ebenfalls misstrauen.
Nicht
aufgrund von Kompetenz oder Erfahrung, sondern einzig aufgrund des gemeinsamen
Misstrauens. So entstehen sogenannte Misstrauensgemeinschaften.
In
diesen Gemeinschaften wird Misstrauen identitätsstiftend. Sie definieren sich
nicht über Lösungen oder Erfolg, sondern über Zugehörigkeit. Über das Gefühl,
„gegen das System“ zu stehen. Digitale Medien verstärken dieses Phänomen, weil
sie Menschen miteinander verbinden, die sich zuvor nie begegnet wären, aber das
gleiche Misstrauen teilen.
In
solchen Gemeinschaften zählt nicht, ob jemand Probleme löst, sondern ob er
„einer von uns“ ist. Das erklärt, warum populistische Politiker selbst dann
Rückhalt behalten, wenn sie eigentlich scheitern.
Bei
Donald Trump etwa ist es bemerkenswert, wie wenig Unterstützung er trotz
offensichtlicher Verfehlungen verloren hat – weil für viele nicht der Erfolg
entscheidend ist, sondern die gefühlte Zugehörigkeit. Und auch hierzulande
lässt sich dieses Phänomen beobachten.
Wie
kommen unsere Gesellschaften aus dieser Situation wieder heraus?
Hier
kommt die Kommunalpolitik ins Spiel. Denn Vertrauen in den Staat entsteht oder
geht verloren dort, wo Politik konkret wird. Im Bürgeramt. In der Kita. In der
Schule. Bei der Feuerwehr. Beim Bus, der fährt – oder eben nicht fährt.
El-Mafaalani
beschreibt Vertrauen als die „unsichtbare Kraft“, die eine überkomplexe
Gesellschaft zusammenhält. Und er sagt ebenso klar: Vertrauen entsteht nicht
durch
Kontrolle,
sondern durch Funktionsfähigkeit. Durch Dinge, die geregelt werden. Durch
Verlässlichkeit im Alltag.
Und
warum erleben viele Menschen unseren Staat heute als weniger stabil, weniger
funktionierend als noch vor 20 Jahren? Zum einen mischt sich der Staat stark in
Dinge ein, in die er sich nicht einmischen müsste. El-Mafaalani
nennt das die „Verrechtlichung des sozialen Lebens“: Alles wird kontrolliert, dokumentiert,
abgesichert – aus Misstrauen heraus. Dadurch überfordert sich der Staat selbst.
Zum
anderen gibt es Aufgaben, die er eigentlich zuverlässig erfüllen müsste: für
Sicherheit sorgen, digitale Infrastruktur bereitstellen, Bildung ermöglichen,
dafür sorgen, dass die Bahn fährt. Dort, wo der Staat zu Recht Monopolist ist,
bleibt er hinter den Erwartungen zurück.
Das
Problem ist: Wenn der Staat als handlungsunfähig wahrgenommen wird, übertragen
die Menschen das direkt auf die liberale Demokratie. Verlust an Vertrauen in
den Staat ist Verlust an Vertrauen in die Demokratie – und genau deshalb ist
das so verheerend.
Dem
stellt sich die Initiative für einen handlungsfähigen Staat entgegen.
Der
Abschlussbericht dieser Initiative kommt zu einem klaren Befund:
Vertrauen
entsteht dort, wo der Staat funktioniert. Nicht perfekt, nicht fehlerfrei, aber
verlässlich. Wo Zuständigkeiten klar sind. Wo Entscheidungen nachvollziehbar
sind.
Wo
Dinge nicht ewig dauern. Und der Bericht sagt noch etwas sehr Wichtiges:
Für
die meisten Menschen entscheidet sich ihr Vertrauen in den Staat nicht in
Berlin und nicht einmal in Stuttgart.
Es
entscheidet sich vor Ort. In den Städten und Gemeinden. In der Kommune.
Wenn
ein Antrag monatelang liegen bleibt. Wenn ein Bauprojekt sich um Jahre
verzögert.
Wenn
Schulen saniert werden müssten, es aber nicht passiert. Wenn der Bus nicht
kommt.
Oder
wenn die Feuerwehr als unverzichtbar beschworen wird, aber bei der Ausstattung
gespart werden soll.
Dann
entsteht kein abstraktes Misstrauen, sondern ein sehr konkretes Gefühl: Das
System kriegt es nicht mehr hin. Und genau hier wird Kommunalpolitik politisch
im besten Sinne.
Denn
wir sind die Ebene, auf der Staat greifbar wird. Kommunen sind nicht irgendeine
Verwaltungsebene.
Sie
sind, wie Alt-OB Ivo Gönner es einmal gesagt hat, die tägliche Bewährungsprobe
unserer Demokratie.
Der
Bericht warnt sehr deutlich davor, was passiert, wenn staatliches Handeln immer
komplizierter wird, ohne zugleich wirksamer zu werden. Ein misstrauischer Staat
erzeugt misstrauische Bürgerinnen und Bürger. Ein Staat, der niemandem mehr
vertraut, darf sich nicht wundern, wenn ihm niemand mehr vertraut. Die
Initiative fordert deshalb mehr Konzentration auf das, was der Staat wirklich
leisten muss:
Dinge
geregelt bekommen. Verlässlich sein. Prioritäten setzen.
Blöderweise
ertappe ich mich selbst oft dabei, wie ich diesen Grundgedanken nicht immer
beherzige. Vielleicht müssen wir im kommenden Jahr an der einen oder anderen
Stelle
noch grundsätzlicher diskutieren, was als Stadt wirklich zu unseren
Kernaufgaben gehört – und wo wir auch Vertrauen zurückgeben müssen.
Etwa
bei Fragen, die man nicht bis ins Letzte regeln muss, selbst wenn man
persönlich eine klare Meinung dazu hat, wie bei der Bildschirmwerbung in der
Fußgängerzone oder der Form und Farbe von Sonnenschirmen. Auch der Haushalt
verdient in dieser Hinsicht einen
kritischen
Blick. Denn Haushaltspolitik ist keine rein finanztechnische Übung. Sie ist
Vertrauenspolitik.
Die
entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wo sparen wir? Sondern ebenso: Wo
dürfen wir nicht sparen, weil wir sonst Vertrauen zerstören? Ich sitze nun
schon einige Jahre an diesem Tisch. Das hier ist meine elfte Haushaltsrede, und
ich habe zehn Haushaltsabschlüsse erlebt. Und eines lässt sich nüchtern
feststellen: Viele der düsteren Finanzprognosen, die unsere Haushaltsberatungen
begleitet haben, haben sich so nicht
bewahrheitet.
Auch
im Haushalt 2025 wurde mit sehr vorsichtigen Annahmen gearbeitet, insbesondere
bei den Gewerbesteuereinnahmen. Daraus wurden erhebliche Sparzwänge abgeleitet.
Heute
wissen wir: Die Gewerbesteuereinnahmen liegen bei rund 180 Millionen Euro – so
hoch wie nie zuvor. Gleichzeitig zeigt sich seit Jahren ein zweites Muster:
Der
Mittelabfluss im investiven Bereich bleibt regelmäßig deutlich hinter der
Planung zurück.
Auch
2025 sind im ersten Halbjahr nur rund 30 Prozent der verfügbaren investiven
Mittel abgeflossen. Für das Gesamtjahr wird mit etwa 150 Millionen Euro
gerechnet – bei
eingeplanten
Mitteln von knapp 195 Millionen Euro.
Politisch
heißt das: Wir planen mehr, als wir umsetzen können.
Ein
erheblicher Teil der vermeintlichen Überlastung entsteht auf dem Papier – durch
Überplanung. Und genau hier berühren wir wieder den Gedanken von El-Mafaalani:
Misstrauen
entsteht aus Enttäuschungen.
Wenn
Politik auf Basis von Worst-Case-Szenarien Kürzungen an Zukunftsinvestitionen
begründet, die sich später nicht bewahrheiten, dann untergräbt das
Glaubwürdigkeit –
die
der Verwaltung, unsere als Gemeinderat und letztlich die Glaubwürdigkeit
staatlichen Handelns insgesamt.
Mir
ist wichtig, das klar zu sagen: Das ist kein Vorwurf an die Finanzverwaltung.
Ich
weiß, wie schwierig es ist, in diesen Zeiten verlässliche Planungen zu erstellen.
Aber
gerade deshalb müssen wir politisch sehr sorgfältig abwägen, welche Schlüsse
wir aus Zahlen ziehen – und welche Signale wir senden.
Denn
ja: Der Haushalt 2026 ist kein Sparhaushalt.
Das
Investitionsvolumen liegt bei rund 186 Millionen Euro. Das ist richtig und
notwendig – gerade mit Blick auf Bildung, Klimaschutz und Infrastruktur. Die
Schulden steigen, weil wir investieren.
Entscheidend
ist nicht, dass wir Schulden machen, sondern wofür. Auch der Ergebnishaushalt
zeigt: Wir halten Maß. Ursprünglich war ein negatives ordentliches Ergebnis von
minus 23,1 Millionen Euro vorgesehen. Nach aktuellen Neuschätzungen liegt es
bei etwa minus 7 Millionen Euro.
Das
ist kein Grund für Alarmismus. Im Vergleich zu vielen anderen Kommunen geht es
Ulm gut. Sehr gut sogar. Während andernorts Haushaltssperren verhängt werden
und Investitionen gestoppt werden müssen, können wir gestalten. Und genau das
verpflichtet uns. Für uns als Grüne Fraktion ist deshalb klar:
Konsolidierung
ja – aber nicht auf Kosten der Zukunft. Nicht auf Kosten von Bildung.
Nicht
auf Kosten des Klimaschutzes. Nicht auf Kosten des sozialen Zusammenhalts.
Und
nicht auf Kosten der Krisenfestigkeit dieser Stadt. Das gilt ganz konkret für
Feuerwehr und Katastrophenschutz. Krisenfestigkeit beschließt man nicht nur –
man finanziert sie
auch.
Sonst bleibt es Rhetorik.
Es
lässt sich in diesen Zeiten keine Haushaltsrede halten, ohne über den Tellerrand
hinauszuschauen. Kommunen tragen den Alltag. Wir setzen um, was anderswo beschlossen
wird. Wir sind die Ebene, auf der staatliches Handeln konkret wird. Dabei will
ich eines ausdrücklich sagen: Das Land Baden-Württemberg hat verstanden, wie
ernst die
Lage
ist. Mit der Weitergabe von zwei Dritteln der Mittel aus dem Sondervermögen an
die Kommunen und mit einer spürbar anderen Haltung sendet das Land ein
wichtiges Signal:
Wir
lassen die Kommunen nicht allein. Dieses Signal stärkt Vertrauen. Auch das
Sondervermögen, aus dem Ulm rund 94 Millionen Euro erhält, ist hilfreich. Aber
es ist kein Befreiungsschlag. Unsere strukturellen Herausforderungen löst es
nicht und es ersetzt
keine
verlässliche Finanzierung kommunaler Aufgaben.
Und
damit komme ich zum Bund.
Dort
sind aus unserer Sicht noch Hausaufgaben zu machen. Wer neue Rechtsansprüche
beschließt, muss auch die Mittel mitgeben. Wer Aufgaben überträgt, muss
Verantwortung übernehmen. Und wer den Kommunen vertraut, muss sie auch handlungsfähig
ausstatten.
Das
ist keine technische Frage. Das ist eine Frage von Respekt zwischen staatlichen
Ebenen. Kommunen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen: Geld, das ankommt.
Verfahren,
die schneller werden. Weniger Bürokratie, mehr Vertrauen.
Sehr
geehrte Damen und Herren,
wir
verabschieden heute einen Haushalt, der Handlungsfähigkeit sichert, Prioritäten
setzt und Vertrauen stärken kann. Einen Haushalt, der nicht aus Angst vor der
Zukunft spart,
sondern
Verantwortung übernimmt.
Mein
ausdrücklicher Dank gilt der Verwaltung, die diesen Haushalt unter schwierigen
Bedingungen erarbeitet hat und jeden Tag daran arbeitet, dass dieser Staat vor
Ort funktioniert. Gleichzeitig bleibt unser Anspruch klar: Vertrauen ist kein
Zustand, den man einmal erreicht. Vertrauen ist ein Anspruch an uns alle. Wir
müssen besser werden.
Schneller,
klarer, verlässlicher. Nicht perfekter – aber funktionierender. Daran müssen
wir uns messen lassen.
Vielen
Dank.