Navigation und Service

Springe direkt zu:

Enthüllung der Gedenktafel

Enthüllung Gedenktafel Gertrud-Brandt-Haus

© Grüne Fraktion

Mit einer feierlichen Gedenktafel wird in Ulm künftig an die sogenannte „Drachenburg“ erinnert. Ein Wohnhaus, das über fast sieben Jahrzehnte ausschließlich Frauen ein Zuhause bot und weit über die Stadt hinaus ein Symbol für Selbstbestimmung, Solidarität und gesellschaftlichen Fortschritt war.

Im Namen des Arbeitskreises Drachenburg des Frauenforums erinnerte Sigrid Räkel-Rehner bei der Einweihung an die Geschichte und die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten Wohnungsnot und große gesellschaftliche Unsicherheit. In dieser Zeit entwickelten engagierte Frauen des Überparteilichen Frauenarbeitskreises (ÜFAK) eine mutige Vision: ein Wohnheim für alleinstehende berufstätige Frauen. Selbst organisiert, selbst finanziert und selbst verwaltet.

1953 wurde diese Idee Wirklichkeit. Die im Volksmund „Drachenburg“ genannte Einrichtung bot Frauen nicht nur Schutz und bezahlbaren Wohnraum, sondern vor allem Sicherheit, Gemeinschaft und die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben. Zu den Initiatorinnen gehörten unter anderem Helga Wiegandt, Stadträtin Herta Wittmann, Gertrud Brandt, Steffi Baumann, Edeltraud Feuer, Irene Eck und Else Fried.

Der Name „Drachenburg“ verweist zugleich auf die damaligen gesellschaftlichen Vorurteile: Frauen, die gleiche Rechte wie Männer einforderten, wurden häufig als „Drachen“ verspottet. Doch die Frauen des ÜFAK ließen sich davon nicht entmutigen. Mit Beharrlichkeit, Mut und politischem Weitblick setzten sie ihr Projekt gegen viele Widerstände durch. Sie engagierten sich weit über das Wohnprojekt hinaus für gesellschaftliche Veränderungen und stärkten die politische Beteiligung von Frauen in Ulm nachhaltig.

1968 wurde das Gebäude der Stadt Ulm schuldenfrei übergeben, verbunden mit der Auflage, die gemeinnützigen Ziele des Vereins weiterhin zu berücksichtigen. Bis zum Abriss des Hauses blieb die Drachenburg ein Ort ausschließlich für Frauen.

Als klar wurde, dass das Gebäude nicht mehr saniert werden konnte, gründete sich 2019 innerhalb des Frauenforums die überparteiliche Arbeitsgruppe „AK Drachenburg“. Ziel war es, das Erbe der Drachenburg weiterzuführen und den Neubau erneut im Sinne der Frauenförderung zu gestalten. Gemeinsam mit Stadt, Gemeinderat und der UWS konnten zentrale Forderungen umgesetzt werden.

Im neuen Gertrud-Brandt-Haus werden künftig vor allem Alleinerziehende, Rentnerinnen sowie Frauen mit geringerem Einkommen bezahlbaren Wohnraum finden. Zwei Wohngemeinschaften bieten jungen alleinerziehenden Frauen ein Zuhause. Zudem werden Wohnungen für Frauen reserviert, die nach einem Aufenthalt im Frauenhaus wieder ein eigenständiges Leben aufbauen möchten. Damit bleibt die ursprüngliche Idee der Drachenburg lebendig.

Die neue Gedenktafel erinnert nicht nur an die Geschichte eines Hauses, sondern an Frauen, die mit ihrem Engagement gesellschaftliche Veränderungen möglich gemacht haben. Ihr Einsatz wirkt bis heute nach und bleibt Vorbild für zukünftige Wohnprojekte in Ulm. Denn, so betonte Sigrid Räkel-Rehner abschließend: „Ulm verträgt durchaus noch mehrere Drachenburgen.“